Geschichte von Corpus Christi in Garbsen-Havelse
Die katholische Kirche Corpus Christi wurde 1961 geweiht. Bis zur
Fusion der drei Garbsener Kirchengemeinden im Jahre 2004 gehörten die Katholiken im hannoverschen Stadtteil Marienwerder
und in Garbsen-Havelse zur Pfarrei Corpus-Christ. Die kirchliche
Bindung bestand bereits während des Mittelalters, als das Kloster Marienwerder
die Siedler im benachbarten Havelse seelsorglich betreute. In der zweiten Hälfte
des 12. Jahrhunderts hatte Graf Konrad von Roden (=1191) auf seinem Eigengut,
dem Hof “Werder”, ein Augustinerchorherrenstift gegründet. Das
Kollegiatsstift “insula sanctae Mariae” wurde 1196 fundiert. In “hauekesla”-Havelse
übereignete man ihm elf Hufen Land. Als Ackerboden war das Land am rechten Ufer
der Leine auf dem Maschrand am Fuße von Geschiebesanddünen wenig ertragreich.
Im Jahre 1214 war Kloster Marienwerder mit Augustinerchorfrauen aus Obernkirchen
besetzt worden, woraufhin es sich bald zum Hauskloster der stadthannoverschen
Oberschicht entwickelte. In sechs Siedlungen verfügte der Konvent über
Grundbesitz mit Fischereien und Mühlen. Im 13. Jahrhundert war der Grund und
Boden von Havelse weitgehend Eigentum der Augustinerinnen. Da jedoch auch hier
die Felder wenig ertragreich waren, gerieten die Augustinerinnen wiederholt in
wirtschaftliche Not. Um das Einkommen der Klostergeistlichen zu sichern, wurden
außer den Kirchen in Engelbostel und Garbsen auch die Gotteshäuser in Limmer,
Linden und Leveste teils dem Kloster inkorporiert, teils die Pfarrechte ihm übertragen.
Da direkt in Marienwerder keine Dorfgemeinde betreut werden mußte, wurden die
Siedlungen Stöcken, Garbsen und Havelse in den Seelsorgebezirk des Klosters
eingepfarrt. Die Klosterkirche St. Marien war somit Gotteshaus der Ordensfrauen
und der Siedler in den umliegenden Dörfern.
Die Vogtei Garbsen fiel u. a. mit dem Klosteramt Marienwerder und Havelse 1333
an die Welfenherzöge. Später im Herzogtum Calenberg gliederte man Havelse dem
Amt Ricklingen ein. Das Augustinerinnenkloster Marienwerder wurde 1543 visitiert
und die Seelsorgestelle mit einem luth. Geistlichen besetzt, der auch die
umliegenden Gemeinden wie Havelse und Stöcken betreute. Ev. Damenstift ist das
Kloster seit 1620. Nach der Aufhebung des Bistums Minden im Westf. Frieden von
1648 waren kath. Reformmaßnahmen kaum möglich. Das Herzogtum Calenberg wurde
kath. Missionsgebiet. Da geeignete Arbeitsmöglichkeiten in der Land-, Holz- und
Mühlenwirtschaft fehlten, blieb der Zuzug von Katholiken im 19. Jahrhundert in
Havelse aus. Die Landgemeinde zählte 1895 280 Einwohner. Bei ihnen handelte es
sich ausschließlich um ev. Christen; Katholiken waren hier nicht wohnhaft. Der
Lebensunterhalt mußte mühevoll erarbeitet werden, so daß viele Bewohner
fortzogen oder nach Übersee auswanderten. Erst als man im benachbarten Seelze
nach 1900 die ersten Industriebetriebe gründete und der Verschiebebahnhof
eingerichtet wurde, erhielt Havelse Impulse zur Gemeindeentwicklung. Besonders
durch den Mittellandkanalbau wurde die Gemeinde bald Zuzugsgebiet von kath.
Kanalbauarbeitern aus Italien, der Tschechoslowakei und Polen. In
Barackenlagern, entlang der Kanalbaustellen, wurden sie untergebracht. Die
Bauarbeiter lebten hier jedoch nur vorübergehend, denn mit den fortschreitenden
Kanalbauarbeiten zogen sie in den 20er Jahren weiter nach Osten. Ihre
seelsorgliche Betreuung in Havelse und Umgebung übernahm 1911 ein Kaplan aus
der Erzdiözese Gnesen. Seit 1910 bestand für die Havelser Katholiken die Möglichkeit
zur Feier der Hl. Messe in Seelze, die der Kaplan von St. Benno in
Hannover-Linden hielt.
Als während der Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1929 die Seelzer Industrie rückläufig
war und der Verschiebebahnhof an Bedeutung verloren hatte, wohnten nur noch
vereinzelt Katholiken in Gemeindegebiet von Havelse. In den 30er Jahren
verbesserte sich die wirtschaftliche Situation deutlich. Denn nicht nur die
Reichsbahn, sondern auch das Akkumulatorenwerk und die Continental-Niederlassung
in Stöcken boten wieder Arbeitsplätze an. Da in Seelze kaum noch ausreichend
Wohnraum zur Verfügung stand, wurden auch in Havelse kath. Arbeitskräfte ansässig.
In der Landwirtschaft Marienwerders waren dagegen kaum Beschäftigungsmöglichkeiten
für Arbeitssuchende vorhanden, so daß in dieser Gemeinde damals nur wenige
Katholiken lebten. Bereits 1928 war Marienwerder in die Stadt Hannover
eingemeindet worden.
Vor dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) hatten etwa 50 Katholiken in Havelse
gelebt. Dies änderte sich jedoch nach 1945, als Evakuierte aus dem Rheinland
sowie zahlreiche kath.
Heimatvertriebene und Flüchtlinge in der Gemeinde Unterkunft fanden. Da auch
direkte und gut ausgebaute Verbindungen in die benachbarten Industriebetriebe
von Stöcken und Seelze bestanden, wurde Havelse sogar bevorzugtes Zuzugsgebiet
kath. Heimatvertriebener aus dem Garbsener Raum. Kath. Gottesdienst feierte man
zunächst in der alten Schule von Havelse, dann in einem Gasthaussaal. Die
seelsorgliche Betreuung übernahm die Dreifaltigkeitsgemeinde in Seelze, die außer
den Katholiken in Havelse noch weitere 4200 kath. Christen in 25 Landgemeinden
pastorierte. Die seelsorgliche Betreuung der Katholiken in Marienwerder übernahm
die St.-Adalbert-Gemeinde in Hannover-Herrenhausen. Die direkte
Verkehrsverbindung in die benachbarte Industrie war eine Voraussetzung für den
Wohnungsbau in Havelse. Es entstand z. B. 1957 das Neubaugebiet am Hasenberg.
Die Notwohnungen der Nachkriegszeit konnte man hier langfristig durch
Neubausiedlungen ersetzen. Aufgrund einer vertraglichen Vereinbarung mit der
Stadt Hannover sowie mit den Gemeinden Alt-Garbsen und Havelse wurde 1964 das
Siedlungsgebiet “Auf der Horst” erschlossen. Seine Anlage löste in
Alt-Garbsen und Havelse einen Verstädterungsprozeß aus. Bis zum
Mittellandkanal wurde das Gebiet zwischen den beiden Gemeinden aufgesiedelt. Ein
neuer Wohnstadtteil von Garbsen war entstanden, der auch infrastrukturelle
Einrichtungen, wie das Schulzentrum und die Stadtbibliothek beherbergt. Das
Neubaugebiet “Auf der Horst”, das zunächst als Marienwerder-Nord bekannt
wurde, war westlich des Klosters Marienwerder parallel zur Leine zwischen dem
Mittellandkanal und der Autobahn entstanden. Die mehrgeschossigen Hochbauten
boten etwa 15 000 Menschen verschiedener sozialer Schichten Unterkunft. Als
Ortsmittelpunkt wurde auf etwa 3 000 qm ein Laden- und Begegnungszentrum
eingerichtet. Mitten durch den Ortsteil Marienwerder legte man in Nord-Süd-Richtung
eine Teichlandschaft an.
Als ein weiteres Wohnbauprojekt wurde Marienwerder-Süd durchgeführt. In diesem
Gebiet, das ebenfalls einen repräsentativen Ortsmittelpunkt erhielt, wurden vor
allem sozialschwache Bevölkerungsgruppen wohnhaft. Neubausiedlungen waren hier
zwischen dem alten Kloster und Havelse entstanden. Ein weiterer Anstieg der
Gemeindemitgliederzahlen um 100% wurde deshalb auch im Bereich von Havelse
erwartet. Bischof Heinrich Maria Janssen (1957–1982) nahm dies 1965 zum Anlaß
für die Einrichtung der kath. Kirchengemeinde Corpus Christi in Havelse. Ihr
Seelsorgebezirk umfaßte aus dem Landkreis Neustadt a. Rbge. die kath. Gemeinde
Havelse sowie den hannoverschen Stadtteil Marienwerder. Als die Kirchengemeinde
1976 Pfarreistatus erhielt, legte man den Mittellandkanal als Gemeindegrenze zur
benachbarten Pfarrei St. Raphael in Garbsen fest. Da das Neubaugebiet “Auf der
Horst” den Gemeinden Havelse und Alt-Garbsen angehörte, mußten die
kommunalen Gemeindegrenzen neu geordnet werden. Daher entschlossen sich bereits
1967 beide Kommunen zur Bildung der Samtgemeinde Garbsen. Als Garbsen 1968
Stadtstatus erhielt, zählte es 24 000 Einwohner. Im selben Jahr lebten in
Havelse 1 295 Katholiken. Seit 1961 verfügten die Havelser Katholiken über die
Corpus-Christi-Kirche, die direkt im Zentrum der Gemeinde am “Nordenkamp”
entstand.
Mit der 2. Generation von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen prägen heute
insbesondere kath. Industriearbeiterfamilien das Gemeindeleben. Während sie im
benachbarten Stöcken oder Seelze beschäftigt sind, nutzen sie die Stadt
Garbsen als Wohngemeinde. In den letzten fünf Jahren ist die Anzahl der
Katholiken in der Corpus Christi Gemeinde mit etwa 1 300 weitgehend konstant.
Seit 1986 wurde die Gemeinde von St. Raphael seelsorglich mitbetreut.
Quelle: Handbuch der Diözese Hildesheim